Die Schundburg Archive von Klaus R. Zweydinger
Frau Holle unplugged


Wo kämen wir hin ohne Wetter? Eine faszinierende Frage, die ich mir gerade an Tagen mit überdeutlichem Wetter gerne stelle. Es gibt ja jede Menge völlig transparenter Wetterumstände, die überhaupt nicht auffallen. Da herrscht dann beispielsweise ein Wetter, das sich weder durch Temperatur noch durch Wind- oder Lichtverhältnisse zu erkennen gibt - und schon garnicht durch irgendwelche Töne. Solche Nullwettertage werden, was die äusseren Umstände anbelangt, schlicht und einfach von der jeweils betroffenen Menschheit ignoriert. Ich möchte sogar soweit gehen, zu behaupten, daß Nullwettertage vom Bewußtsein aussortiert werden und umgehend einer Wetteramnesie anheimfallen.

Wenn der Herr Hauptkommissar fragt "Na, mein lieber Schetzenblotzer, wo waren Sie eigentlich am 18. Juni gegen 18 Uhr 03 im Nebenzimmer des Café Sackbart in Heilbronn, hmmm?", so wird natürlich jeder wie aus der Pistole geschossen sagen: "Wer? Ich? Ich weiß nicht. Zuhause war wohl ich bei meiner Mutter und ihrem Vater. Es hat geregnet und geblitzt ausserhalb. Abends war es dann noch viel kälter, Herr Kriminalmeier. Könnte aber auch schon geschneit haben. Zumindest Graupel, vielleicht." Und schon daran erkennen wir ja, daß sich terminbezogene Tagesdaten hauptsächlich über die Funktion Wetterempfindung abspeichern und wieder abrufen lassen. Bei Nullwetter scheint man, als Gesamtpersönlichkeit, genau wie die fehlenden Wettermerkmale, überhaupt garnicht existent zu sein.

Langer Rede kurzer Sinn: heute morgen um halb sieben klingelte es an der Tür. Ausgerechnet! Ich hatte die elektronische Zahnbürste im Schnabel, saß auf dem Topf und hielt die zerfledderte Tageszeitung in Händen. "Abwarten!" schrie ich aus Leibeskräften, "Ich komme gleich!" Ja, was, komme gleich, kaum herausgeschleudert, war es schon ein Unfug ersten Ranges. Wie soll man gleich wohinkommen, wenn jede Menge Einzelteile zu verstauen sind? Es dauerte also geraume Zeit, bis ich die Tür öffnen und zu Tode erschrecken konnte.

Unter dem Vordach stand ganz verkrümmt eine hagere Frau von vielleicht zwei- bis dreihundert Jahren, ich schwör's! Das kaum noch als menschliches Antlitz erkennbare Gesichtlein von Millionen und Abermillionen tiefer Furchen kreuz und quer durchrunzelt, blickte sie aus verwaschenen, undeutlich hellblauen Äuglein und mit blass zusammengepferchten Lippen zwar wortlos, aber unablässig pfeifende und rasselnde asthmatische Atemgeräusche aussendend, zu mir hoch. Ein erschreckend desolater Gesamtanblick. Sicherlich nicht förderlich für die Sache der Frau in der Gesellschaft - und doch von dramatischer, fast vierdimensionaler Präsenz. Dieser psychische Eindruck strafte die ganze audiovisuelle Malaise Lügen. Aber all das war längst nicht das, was mich wirklich erschreckte.

Die alte Frau schneite! An einem Junimorgen kurz vor sieben Uhr stand da diese uralte Frau und schneite mir den ganzen Gartenweg voll. Etwa auf Höhe ihrer Hüften materialisierten Myriaden von glänzenden weissen Schneeflocken und fielen in zauberhaft glitzernden Bahnen zu Boden, wo sich mittlerweile schon eine Schneefläche im Durchmesser von mehr als zwei Metern gebildet hatte, mindestens einen halben Meter hoch. Und die Frau machte keinerlei Anstalten, ihr hemmungsloses Schneien einzustellen. Im Gegenteil - mit jeder Sekunde, die ich sie ungläubig anstarrte, schien der kleine Schneesturm um ihre Hüften an Stärke sogar noch zuzunehmen. Wohin sollte das noch führen - und wozu ? Fragen über Fragen hämmerten durch die Leere in meinem mit Morgenwatte gefüllten Kopf.

"Was kann ich für Sie tun, gute Frau ?" war alles, was ich zwischen den klappernden Zähnen hervorpressen konnte. Mittlerweile schien auch die Temperatur gut und gerne um zwanzig Grad gefallen zu sein und aus den Augenwinkeln sah ich, daß sich auf der kleinen Vogeltränke am Wegrand eine glitzernd bläuliche Eisschicht gebildet hatte.

Dem nun einsetzenden Gekrächze glaubte ich entnehmen zu können, daß die Greisin offenbar das dringende Bedürfnis nach einem Telefonat verspürte, sie müsse nun also sofort und ohne weiteren Aufschub mit einem gewissen "Järgi" sprechen oder es wäre so ziemlich alles zu spät. Tja. Da war guter Rat teuer. Mit dieser metereologischen Situation konnte ich sie auf keinen Fall ins Haus lassen, bei allem Seniorenrespekt, aber Schnee und Eis konnte ich nun gewiss nicht brauchen in meinem Wohnzimmer. Schon garnicht morgens früh um sieben, wo alles inclusive meiner ehemaligen Verlobten und der mindestens vier Katzen noch lethargisch darniederkniete und nicht recht wusste, wie in den mählich anfahrenden Tag mal wieder einzusteigen sei.

Und während meinen langsam zerfrierenden Hirnzellen noch einfiel, daß ich das drahtlose Telefon ja bis zum Eingang bringen könne und mich schon umwandte, es zu holen, da kam, wie der Affe aus dem Beutel, schon der nächste Schock dahergeholpert. Ein Jaulen und Klappern, blechernes Kreischen und Klingeln wie von fortrollenden Radkappen bewegte sich näher und näher und draussen auf der Strasse tauchte wackelnd und schlingernd und sich überhaupt lautstark generalgebärdend ein absurdes Gefährt auf. Meine Brille zog sich entsetzt um die frostknirschende Nase zusammen: eine komplette Wetterstation mit Windrädchen und Niederschlagsmessern, Barometern und Hygrostaten und was weiß ich noch alles eierte auf kleinen Stützrädchen bis an unser Haus heran - und aus der hohen Lamellentür sprang, im Flug das Gartentürchen hart streifend, ein wirbelnd sich überschlagender Jörg Kachelmann und knallte neben der uralten Frau harsch auf das tiefgfrorene Pflaster.Hollekachelmeier "Herrgottnochchmal!!" brüllte er schwyzernd, während er ungelenk versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, "Frau Cholle, zum Donnerwetter, wir chaben eine Vertragchslagche! Was schleichchen Sie sichch da schon wiedr mal davon wie nichcht gescheit? Sofort chommen Sie wiedr mit und erfüllen Ihre Plichchten für michch und mein Riesengroßunternehmen! Aber hurtigch!!! Was chlauben Sie, was man im Fernseh sagchen wird?! Milliarden von Messstationen im Leerlauf! Los, los! Zyt isch Geld!" Und er schnappte die mittlerweile scharf schnarrende Alte beim Kragen und schleppte sie, ohne mich überhaupt eines Blickes zu würdigen, in sein skurriles Gefährt und schlug kreischend die Türe zu. In einer Wolke aus Schneekristallen und dunkelgrauflockigen Auspuffgasen zockelte das seltsame Kuriosum nach rechts aus dem Bild. Langsam verhallte das Scheppern.

Ich weiss nicht mehr, wieviele Wochen oder gar Monate verpufften, in denen ich paralysiert unter der Haustüre kleben blieb - aber es müssen viele gewesen sein. Denn als ich wieder zu mir kam, waren Schnee und Eis längst geschmolzen und ein lauer Junitag stand mehr oder weniger senkrecht im überaus hohen Garten und kümmerte sich einen Scheißdreck um die Befindlichkeiten von Leuten, die der leibhaftigen Frau Holle und ihrem Chef inmitten der tosenden Elemente begegnet waren. Man kann, um den Bogen dieses Berichtes wieder zu schliessen, nur inständig hoffen, daß solche ebenso blödsinnigen wie derangierenden Auftritte jetzt nicht zur Regel werden am frühen Vormittag. Weil: wo kämen wir da hin? Bitte?!




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